Durch die Nacht mit… Flying Lotus

Steven Ellison aka Flying Lotus nimmt uns auf seinem neuen Album mit auf eine Reise durch die Nacht – allerdings keineswegs durch das nächtlich-taumelnde Los Angeles, sondern in gänzlich andere Sphären, dazu jedoch später mehr.

Flying Lotus - Until The Quiet ComesDer heute 28jährige hat bereits jetzt schon Musikgeschichte geschrieben. Sein Album „Los Angeles“, das vor vier Jahren bei Warp Records erschien, war schon so etwas wie ein Lichtblick für Freunde der elektronischen Klänge und deutete in etwa an, wohin die Reise des Steven Ellison gehen soll. Dass dieser zur Bewusstseinserweiterung mittels Musik mehr als prädestiniert ist, steht außer Frage, so ist sein Großonkel doch jener John Coltrane, der für die Entwicklung des Free Jazz so bedeutend ist wie nur wenige andere.

Die großen Themen von „Until The Quiet Comes“ sind der Traum und die seltsamen zwischenbewussten Zustände, in denen wir uns des Nachts befinden. Ellison selbst sagt, er hatte beim Komponieren der Tracks unter anderem einen kleinen Jungen im Sinn gehabt, der „nachts in einer Badewanne durch die Stadt fliegt”. Wäre Peterchens Mondfahrt eine Erzählung des 21. Jahrhunderts, so wäre dieses Album der perfekte Soundtrack dazu. Der Sound ist weniger abstrakt als noch auf dem überbordenden Vorgängeralbum „Cosmogramma“, er wirkt homogener, jedoch alles andere als einlullend. Gerade rechtzeitig, wenn der Hörer sich an eine Basslinie oder einen Beat zu gewöhnen beginnt, lässt ein gezielter Rhythmuswechsel den Somnambulisten zusammenzucken. Sleep Twitch in stereo. So etwa bei „The Nightcaller“, wo sich mitten im Track die Struktur um 180° dreht und aus einem sich steigernden Synth-Stakkato ein groovender Bass wird. Extreme Breaks wie hier sind ansonsten auf „Until The Quiet Comes“ eher selten zu finden. Wo das Vorgängeralbum noch eher mit einer Explosion gleichzusetzen war, die Energie aus ihrem Zentrum herausschleudert, ist dieses eher introvertierte Album vielleicht der Ausdruck einer Implosion. Der dunkle Sog zieht musikalische Materie aus allen Ecken des Universums hinein in dieses Gewebe, wo sie sich zu etwas vollends Neuem verbindet. Die auffälligste Struktur ist ein aufgeregtes Flackern, allerdings beeindruckt etwa „Sultans Request“ mit knarzigen Flächen, die noch am ehesten an die HipHop-Wurzeln von Flying Lotus erinnern.

Wie schon auf dem letzten Album finden sich einige erlesene Gastauftritte. So unterstützt Bassisten-Wunderkind Stephen „Thundercat“ Bruner einige der 18 Songs und auch Thom Yorke von Radiohead ist wieder mit von der Partie. Der Sänger von Steven Ellisons Liebslingsband steuert die Lyrics zu „Electric Candyman“ bei und wirkt dabei wie eine musikalische Replik des Mondmanns, um im Bild von Peterchens Mondfahrt zu bleiben. Der Wiener Dorian Concept und die Grande Dame des Soul, Erykah Badu, featuret FlyLo zum ersten Mal. Auffällig ist besonders, wie sehr selbst die großen Namen in den Hintergrund treten und dadurch die Tracks als solche wirken. Das erinnert schon fast an moderne Literatur, in der das Werk als losgelöst vom Autor betrachtet wird – bei der smoothen Homogenität von „Until The Quiet Comes“ könnte man auch fast denken, die Tracks schrieben sich selbst.

Passend dazu steht auch Ellisons Aussage, er komponiere seine Alben stets wie Erzählungen, mit einem Anfang, einem Mittelteil und einem Ende. Und dann kommt die Stille. Hier ist die Reise vorerst zu Ende, aber bestimmt nicht für lange, denn man ist versucht, sofort wieder zum Anfang zu skippen.

(dieser Artikel ist erstmals am 13.11.12 auf eclat-mag.de erschienen)

Veröffentlicht in Klang | Getaggt , , , , , | Hinterlassen Sie einen Kommentar

(Vor-) Lesen!

Logo VorlesetagHeute findet der bereits neunte Bundesweite Vorlesetag statt. DIE Zeit, die Stiftung Lesen und die Deutsche Bahn organisieren die Aktion gemeinsam, um durch dieses große Vorlesefest die Begeisterung für das Lesen und Vorlesen zu wecken. Dies soll nicht nur längerfristig die Lesekompetenz fördern, sondern macht auch einfach viel Spaß.

Gelesen wird an so unterschiedlichen Orten wie etwa einem Vorlese-Tipi am Berliner Hauptbahnhof, im Riesenrad auf dem Hamburger Dom, in einem Oldtimer-Bus im Rhein-Sieg-Kreis, aber auch in zahlreichen Kindergärten, Schulen, Bibliotheken und Seniorenheimen. Auch im Ausland beteiligen sich Personen an der Vorlese-Aktion, so liest etwa die mexikanische Außenministerin in Mexiko-Stadt. In Deutschland unterstützen Prominente wie Tom Buhrow, Alice Schwarzer oder Barbara Schöneberger den Vorlesetag. Eine Übersicht, wo Lesungen stattfinden und wer liest findet sich auf der Homepage der Veranstalter.

Veröffentlicht in wasmitbüchern, Wörter oder Worte | Getaggt , , , , | Hinterlassen Sie einen Kommentar

Get Out! Get awestruck!

Cover: ...Trail of Dead - Lost Songs

…And You Will Know Us by the Trail of Dead begehen in diesem Jahr ihr 18-jähriges Bandjubiläum. Nun mag dies ein etwas seltsam anmutender Einstieg für diesen Text sein, denn was sollte man vom achten Album dieser Band noch groß erwarten? Etwa, dass sie nun „erwachsen“ klingen? Wohl kaum, denn schon nach „Source Tags & Codes“ fragte man sich, ob sich diese Band überhaupt noch steigern kann. Für eingefleischte Fans ist dies bis heute eines der besten Alben der Band und für die Musikkritik mit Sicherheit ein Meilenstein.

Und doch haben …Trail of Dead es danach geschafft, noch vier weitere Alben zu veröffentlichen, die durch die Bank weg begeistert haben. Die Mischung aus, teilweise von zwei Drummern verfertigtem, totalem Schlagzeugirrsinn, Conrad Keelys und Jason Reece’ charakteristischem Gesang und der in manchen Titeln schon fast barocken Orchestralität festigten den Geniestatus dieser Band. Durch die Videos und die von Conrad gezeichneten Coverabbildungen kam dann noch die Aura des Gesamtkunstwerkes hinzu.

Kurzum: Auch bei “Lost Songs”, das entgegen des Namens nur aus absolut neuen Songs besteht, hatten Fans wie Kritiker wieder einmal allen Grund zur Befürchtung, dass …Trail of Dead ihren Zenit längst überschritten haben und kein Spielraum für Verbesserungen mehr sei. Und so kommt es, dass das erste Album seit der “Volljährigkeit” der Band zum einen überrascht und sich zum anderen eben keineswegs erwachsen anhört. Ganz im Gegenteil – es ist das vielleicht pubertärste Album der Band überhaupt.

…And You Will Know Us by the Trail of Dead wagen hier die Flucht nach vorn und legen mit „Lost Songs“ ein wütendes, raues Album vor. Es rumpelt und scheppert ordentlich, teils fühlt man sich sogar an den Polit-Punkrock der 90er-Jahre erinnert. Nur wer sich verändert, bleibt sich treu. Und so schultern …Trail of Dead die Bürde ihrer eigenen Bandgeschichte locker, indem sie dem Vergleich mit bisherigen Alben dadurch aus dem Weg gehen, dass sie sich auf „Lost Songs“ anhören wie eine junge, neue Band. Am ehesten lässt die Direktheit der Songs noch den Vergleich mit den ersten beiden Alben zu. Schon im ersten Song „Open Doors“ hören wir Conrad Keely We reinvent ourselves again konstatieren, obwohl dieser Titel sich noch eher als klassischerer …Trail-of-Dead-Song beschreiben lässt.

Die Themen der Songs sind sehr ambitioniert und reichen von Game of Thrones über die Kritik an der apathischen und apolitischen Jugend bis hin zur Schlacht im Teutoburger Wald und dem Krieg in Syrien. Bezeichnenderweise widmet die Band dieses sehr politische Album Pussy Riot.

Im Interview mit éclat stellt Drummer Jason Reece fest, dass die Platte sich erstaunlich amerikanisch anhört, wobei sie doch in Hannover aufgenommen wurde – ganz im Gegensatz zu den eher vom Krautrock beeinflussten und in Texas aufgenommenen früheren Alben. Unter den Bonus-Tracks der Limited Edition des Albums findet sich übrigens auch eine deutschsprachige Version des Titelsongs „Verschollene Songs“! Das Gefühl, einmal seine gewohnte Umgebung verlassen zu müssen, um neue kreative Energie zu finden, das letztendlich auch zu den Aufnahmen in Deutschland geführt hat, beschreiben …Trail of Dead auch in „Awestruck“. Get Out! Get awestruck! Die Welt ist in den letzten Jahrzehnten so eng zusammengerückt und verändert sich gleichzeitig so rasant, dass die Band in diesem Song die Hörer indirekt dazu aufruft, ihre „comfort zone“ zu verlassen und so vielfältige Erfahrungen wie möglich zu machen. Aus einem gesteigerten Bewusstsein heraus könne man wirkliche Veränderungen politischer wie persönlicher Art erreichen.

Der Titelsong befasst sich mit der Problematik, dass es heute eine so große Menge veröffentlichter Songs gibt, dass diese unmöglich alle gehört werden können und vielleicht nie die richtigen Songs die richtigen Hörer finden. Lost Songs, they’re going nowhere. Es ist auf jeden Fall zu hoffen, dass zumindest dieses Album diejenigen Hörer findet, die es zu würdigen wissen.

“Catatonic” auf Soundcloud:

(dieser Artikel ist erstmals am 30.10.12 auf eclat-mag.de erschienen)

Veröffentlicht in Klang | Getaggt , , , , | Hinterlassen Sie einen Kommentar

The world outside is night

Einer der ältesten römischen Götter ist jener allen Anfangs und Endes, Janus. Und dass es dieser in den Titel des neuen Albums der New Yorker Band Emanuel and the Fear geschafft hat, gibt schon in etwa die grobe thematische Richtung vor: Es geht auf “The Janus Mirror” um die Zeit, den Wandel, Ende und Neubeginn. Egal, was der Maya-Kalender dazu sagt: dass sich – nicht nur im Dezember 2012 – eine Menge tut auf unserer kleinen blauen Kugel kann man wohl getrost so unterschreiben. Und der doppelköpfige Janus geht die Sache ganz schön sophisticated an, er blickt nämlich vorwärts und gleichzeitig zurück. Insofern passt er sehr gut zur Musik der Band aus Brooklyn, die sich jeglichen Genregrenzen verwehrt und irgendwo zwischen den frühen 70er Jahren und der Zukunft herumwabert.

Mittlerweile ist das Kollektiv auf sechs Bandmitglieder zusammengeschrumpft, be- stand aber auch schon einmal aus elf und könnte schon morgen, dem Mythos nach, 200 Musiker auf die Bühne bringen. Darauf einigen, was sie denn da jetzt eigentlich genau produzieren, können sich Emanuel and the Fear freilich nicht, was aber auch gar nicht so schlimm ist. Auf ihrem neuen Album versammeln sie in ungefähr 44 Minuten acht Songs, deren Atmosphäre von einer einsamen Akustikgitarre bis hin zu orchestralem Bombast epischen Ausmaßes reicht.

Schon beim ersten Song The Janus Mirror spürt man, spätestens wenn die Synth-Flächen sich langsam kräuseln und der zunächst poppige Gesang durch Cello und Violine abgelöst wird, dass das hier nicht lange so ruhig bleiben soll. “You may think you know me well / but you can not know someone who / does not know himself” singt Emanuel Ayvas dann zunächst noch einigermaßen beherrscht, um wenige Sekunden später in einen förmlichen Schreikrampf auszubrechen und manisch die Zeile “Yeah we’re changing” zu rezitieren. Und sollte Lars von Trier jemals einen Film machen, der in der römischen Mythenwelt spielt, sollte Black Eyes auf jeden Fall für den Soundtrack verwendet werden. Es ist beeindruckend, wie mit dermaßen reduzierten Mitteln eine so extreme Stimmung aufgebaut wird. Der Song kommt mit nur zwei Textzeilen aus, die Gitarre und das Cello kratzen und scharren jedoch, als gelte es, Panzerglas zum Zerbersten zu bringen.

Dass Emanuel And The Fear aber auch die ruhigen Lagen beherrschen, zeigen sie bei My Oh My. Dieses Duett kommt teilweise nur mit einer Akustikgitarre aus, wird hin und wieder aber auch von Liz Hanleys Violinenspiel und ihrem sehr starkem Gesang getragen. Ihre Stimme ist die perfekte Ergänzung zu jener Ayvas’ und so wünscht man sich, dass Hanley in der Zukunft vielleicht noch mehr Gesangsparts bekommt. Falls Emanuel and the Fear dann überhaupt noch in dieser Besetzung zusammen spielen, was zu erwarten jedoch äußerst vermessen wäre – Yeah we’re changing!

Das am 14.09. erscheinende Album als Stream:

Livetermine im Oktober:
07.10.12: Freiburg – Waldsee
08.10.12: Stuttgart – Schocken
11.10.12: Bern (CH) – ISC
12.10.12: Ebensee (AT) – Kino Ebensee
13.10.12: Berlin – Roter Salon
14.10.12: Poznan (PL) – Meskalina
15.10.12: Dresden – Jazzclub Tonne
16.10.12: Hamburg – Übel & Gefährlich
17.10.12: Bochum – Bahnhof Langendreer
18.10.12: Weinheim – Café Central
19.10.12: Köln – Gebäude 9
21.10.12: Frankfurt – Brotfabrik

Veröffentlicht in Klang, Live | Getaggt , , , | Hinterlassen Sie einen Kommentar

Svalbard, 5,0°C

Bei den aktuellen Temperaturen gibt es ja kaum etwas erfrischenderes als das Betrachten von Polar-Dokus. Firnfelder, Eisschollen und hier und da vielleicht sogar ein Schneehuhn?

Still aus dem Video zu Hollow Mountain (c) Efterklang und Oodls

Mads Brauer, Casper Clausen und Rasmus Stolberg, besser bekannt als die dänische Band Efterklang, verbrachten neun Tage auf der Insel Spitzbergen, nur 1000km vom Nordpol entfernt, um die verlassene Minensiedlung Piramida zu erforschen und in dieser kurzen Zeit über 1000 Soundschnipsel aufzunehmen. Diese bilden, zusammen mit den Eindrücken, die die Band auf ihrer Expedition sammelte, das Grundmaterial für das nach der Geisterstadt benannte vierte Album der Dänen, welches am 21. September bei 4AD / Beggars erscheint. Im von Jakob Steen & Christoffer Frandsen entworfenen Video zum Eröffnungssong Hollow Mountain sehen wir eine Collage von Aufnahmen aus Piramida – diese sind zwar nicht ganz so erheiternd wie herumtollender Eisbärennachwuchs, jedoch in der Schilderung des industriellen Verfalls von einer ganz besonderen Ästhetik. Dass Efterklang auch auf ihrem vierten Album noch einen angenehmen Hang zur Extravaganz pflegen, zeigt die Mitwirkung von Earl Harvin, Nils Frahm, Peter Broderick und des 60-köpfigen South Denmark’s Girl Choirs, die den Anfangs eher dezent instrumentierten Song zum Efterklang-typischen Spektakel anschwellen lassen.



Im Dezember kommt die Band auf Tour nach Deutschland und Österreich.

Tourdaten:

02.12. Wien — Arena
03.12. Leipzig — Centraltheater
04.12. Hamburg — Kampnagel
05.12. Berlin — Volksbühne
11.12. Köln — Gebäude 9
14.12. Frankfurt — Brotfabrik
15.12. Hannover — Glocksee

via Spex.

Veröffentlicht in Klang, Live | Getaggt , , , , , , | Hinterlassen Sie einen Kommentar

“Er fiel wie eine Sternschnuppe…”

Endlich habe ich es geschafft, mir Olga Grjasnowas Debüt Der Russe ist einer, der Birken liebt (Hanser) zu Gemüte zu führen. Nachdem es schon eine ganze Weile hier auf dem Stapel lag, aber immer wieder andere Lesevorhaben dazwischen kamen, habe ich mich jetzt endlich daran getraut und es auch gleich mehr oder weniger in einem Rutsch durchgelesen, so packend ist die Geschichte der Mascha Kogan, “Aserbaidschanerin, Jüdin, und wenn nötig auch Türkin und Französin”. Ich war sogar beim morgendlichen Warten auf die S-Bahn immer hoch erfreut, wenn ich keine Kollegen getroffen habe, da das bedeutete, dass ich in Ruhe weiterlesen kann.

Das Allererste was man an der Uni über Literatur lernt ist, dass man doch bitte um Himmels Willen nicht den Autor mit seinem Werk oder gar mit seinen Figuren verwechseln soll. Das weiß sicher auch Olga Grjasnowa, die unter anderem am Literaturinsitut in Leipzig, in Moskau und in Warschau studiert hat, und so wurde ich das Gefühl nicht los, dass die Autorin das Feuilleton zu einem kleinen Spiel provozieren möchte. Einerseits lassen sich nämlich doch einige Parallelen zwischen den Biographien der Hauptfigur des Romans und ihrer Autorin finden, was dazu verleitet, einen engeren Zusammenhang zu unterstellen. Andererseits unterscheiden sich die beiden natürlich noch immer stark genug voneinander, so dass Grjasnowa etwa in einem Interview mit der Zeitung Der Standard auf eine Frage entgegnen kann:

Sie kennen mich jetzt fünf Minuten, aber meine Protagonistin kennen Sie ganz gut. Ich habe nichts davon erlebt. Die einzige Gemeinsamkeit ist: Die Romanfigur kommt wie ich aus Aserbaidschan.

Um was geht es nun aber in diesem Buch, das als eine der interessantesten literarischen Neuerscheinungen der letzten Zeit gehandelt wird? Es geht um vieles, man neigt sogar dazu, zu befürchten, der Roman würde unter der Vielzahl der Themen, die en passant angesprochen werden, erdrückt. Wäre da nicht die Hauptfigur, die in ihrer Biographie die verschiedenen Erzählebenen zusammen hält. Mascha flieht als Kind zusammen mit ihren Eltern vor den Pogromen in Aserbaidschan nach Deutschland. Und nicht erst hier bemerkt sie, wie essentiell doch die Sprache ist – Sprache bedeutet Macht und wer sie nicht spricht, wird nicht gehört. Symbolisch für die Bedeutung der Sprache steht ein Rückblick auf den Bergkarabach-Konflikt, der Maschas Kindheit bestimmte: Wer das aserbaidschanische Wort für Haselnuss (fundukh) nicht richtig aussprechen kann, gibt sich damit als Armenier zu erkennen und wird umgebracht.

Diese Erfahrungen veranlassen Mascha schließlich dazu, eine Karriere bei der UNO als Dolmetscherin anzustreben. Sie spricht bald fünf Sprachen fließend und ein paar andere so “wie die Ballermann-Touristen Deutsch”. Maschas Multikulturalismus und Mehrsprachigkeit bieten ihr zwar eine Vielzahl an Möglichkeiten, allerdings stößt sie, ebenso wie die anderen Romanfiguren, damit auch immer wieder an die Grenzen des Verständnisses ihrer Mitmenschen. Sie können überall zu Hause sein und es scheint, als wäre der Begriff “Heimat” nur ein Relikt aus einer lange vergangenen Zeit. Ganz egal wo sie aber sind, es wird immer wieder ihre Herkunft, ihr sogenannter “Migrationshintergrund” – ein Wort, das Mascha verabscheut wie fast kein zweites – thematisiert. Exemplarisch ist hier die Geschichte von Sami, Maschas Exfreund, der als in den USA lebender Palästinenser von seinem ägyptischen Nachbarn beschuldigt wird, lieber in den Staaten zu studieren, statt sich in Palästina gegen die Israelis zu wehren.

Als Maschas Freund Elias an den Folgen einer Fußballverletzung stirbt wird sie völlig unerwartet und plötzlich aus ihrem zumindest einigermaßen geregelten und auf ihre Karriere abzielenden Leben herausgerissen. Im Anschluss entfaltet sich ein multitraumatischer Irrlauf, der geprägt ist von vielen Rückschauen und häufigen Ortswechseln. Mascha sucht ständig nach Nähe, wird diese jedoch zu groß, tritt sie die Flucht an. Dieses Wechselspiel aus Nähebedürfnis und Schreckhaftigkeit, gepaart mit einer Wachsamkeit, die droht, in Hypernervosität zu kippen, macht die Dynamik des Romans aus. Um Elias’ Tod zu verarbeiten bricht Mascha von Frankfurt nach Tel Aviv auf. Dort trifft sie, nachdem ihr Computer am Flughafen erschossen wurde, auf ihre entfernte Verwandtschaft, für die sie zwar eine gewisse Faszination empfindet, die ihr aber gleichzeitig irrsinnig fremd vorkommt. Sie trifft auf Palästinenser und Israelis, die ihre jeweils ganz eigene Sicht auf den Konflikt um die besetzten Gebiete und sich gegenseitig präsentieren.

Immer wieder brechen sich Panikattacken Bahn und immer wenn Mascha von der Erinnerung an Elias erschüttert wird, mischen sich die Erinnerung an die Pogrome in Baku mit den Erlebnissen Maschas in Israel und Palästina. Sie versucht zwar eigentlich, die Erinnerung an Elias wach zu halten, zur Not auch, indem sie sich anderen Männern und Frauen hingibt, aber zum Ende des Romans hin kann sie die Erinnerungen immer weniger auseinander halten. Die Bilder des Bürgerkriegs in Aserbaidschan, des Palästina-Konflikts und die Erinnerung an die Menschen in ihrem Leben verweben sich zu einem Netz, das für Mascha bald undurchdringlich wird. Erst ganz zu Ende des Romans bittet sie das erste Mal um Hilfe.

 

Weiteres zu Der Russe ist einer, der Birken liebt:

Veröffentlicht in Gesellschaft, wasmitbüchern, Wörter oder Worte | Getaggt , , , , , , , | Hinterlassen Sie einen Kommentar

Welttage-Tag

In den nächsten Tagen finden gleich zwei hohe Feiertage unserer Medienkultur statt. Erst wird heute der schwarzen Scheiben gehuldigt und am Montag dann den dicken Schmökern.

Am Record Store Day heute beteiligen sich weltweit 1700 Plattenläden, um die 130 allein in Deutschland, Österreich und der Schweiz. In Freiburg ist Flight 13 in der Stühlingerstraße mit am Start und es gibt zur Feier des Tages einige streng limitierte Platten zu erstehen, sowie jetzt gleich ab 14Uhr einen kostenlosen In-Store-Gig der schwedischen Folk-Pop Band Holmes und des chronisch reisenden Joe Astray zu erleben.

In Hamburg geben sich am späteren Nachmittag die Herren Schulz und Uhlmann bei Michelle Records beziehungsweise Zardoz am Schulterblatt die Ehre. Durch den Verkauf einiger Vinyl-Sondereditionen, die speziell für den Record Store Day gepresst wurden, und den Event-Charakter sollen heute vor allem kleinere Plattenläden, die unabhängig von den großen Ketten à la Virgin Megastore etc. agieren, unterstützt werden. Da macht es meiner Ansicht nach auch Sinn, auf Vinyl zu setzen, da Platten sich bei Liebhabern wieder steigender Beliebtheit erfreuen, wovon vor allem kleinere Labels mit feinen Programmen für anspruchsvolle Hörer profitieren. Zwar sind die Verkäufe hier im Vergleich zu MP3s noch immer marginal, allerdings hoffe und glaube ich, der haptische Wert der Schallplatte wird in Zukunft wieder mehr geschätzt werden. Mp3s sind zwar extrem praktisch aber nicht grade sexy, gerade umgekehrt beim Vinyl. Das seltsame Mittelding namens CD wird da vielleicht bald einen immer schwereren Stand haben.

Am Montag ist dann der seit 1995 jährlich am 23. April stattfindende Welttag des Buches. Erstmals findet dieses Jahr die Aktion “Lesefreunde” statt. 33 333 Interessierte konnten sich bis Februar online registrieren und aus 25 sehr unterschiedlichen Büchern auswählen – zur Auswahl gab es unter anderem Handkes Wunschloses Unglück, Kehlmanns Vermessung der Welt, aber auch leichteres wie Brussigs Am kürzeren Ende der Sonnenallee oder Hornbys About a Boy. Die Teilnehmer bekamen dann ein Paket mit 30 Büchern in die Buchhandlung oder Bibliothek ihrer Wahl geschickt und verschenken diese nun in den nächsten Tagen. So dürfen sie sich also als Botschafter des Lesevergnügens fühlen, indem sie die Freude an einem Buch das ihnen am Herzen liegt, mit anderen teilen. Die Aktion, die von verschiedenen Verlagen, dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels und der Stiftung Lesen getragen wird, zielt vor allem darauf ab, Menschen die selten oder gar nicht lesen den Spaß an der Literatur zu vermitteln.

Seinen Ursprung hat der Welttag des Buches übrigens in Katalonien, wo es Tradition ist, am Georgstag, der jedes Jahr am 23. April stattfindet, Blumen und Bücher zu verschenken. Eine sehr nette Tradition, die man auch hierzulande begehen könnte – am besten indem man ungewöhnliche Bücher unabhängiger Verlage verschenkt. Diese können nämlich wegen ihrer kleineren Auflagen und Umsätze oft leider selbst keine großen Aktionen am Welttag des Buches anbieten.

In diesem Sinne wünsche ich euch schonmal viel Spaß beim Hören, Lesen und vielleicht auch Schenken und beschenkt werden!

Veröffentlicht in Klang, Konsum, wasmitbüchern, Wörter oder Worte | Getaggt , , , , , , | Hinterlassen Sie einen Kommentar